DENN SIE WEISS NICHT WAS SIE TUT

oder von der Magie der Rezeptur

Kennen Sie das Phänomen der „Socken-Fressenden-Waschmaschinen“?

Mann oder Frau stecken ein Paar blaue, rote und grüne Socken in die Waschmaschine, die Buntwäsche startet ganz seriös ihre Arbeit, wäscht brav und macht sich beim Schleudergang durch hohe Töne bemerkbar, das heißt, die Maschine gibt gerade ihr Bestes und möchte eine gewisse Zuwendung erfahren.

Die frische Wäsche kommt aus der Trommel, es duftet. Frau, Mann freut sich schon aufs Wäscheaufhängen, letzter Blick in die Waschmaschine, sie ist leer. Beim Aufhängen fehlen urplötzlich ein roter und ein grüner Socken.

Zurück zur Waschmaschine, ein Blick hinein, keine Socken. Den Weg kontrolliert, vielleicht das Flusensieb ausleeren, aber nirgends befinden sich die zwei Abgängigen, auch keine Farbspuren von ihnen. Seit Jahren beobachte ich dieses Phänomen und bin in der Zwischenzeit Anhänger folgender Theorie:

Waschmaschinen fressen Socken, wenn sie zuwenig Zuwendung bekommen.

Das ist aber nicht das einzige Mysterium in der Geschichte vom Innenleben eines Hauses.

Stolz kann ich von mir behaupten, ich besitze Kochbücher mit magischen Rezepturen.

Gedankenverloren blättere ich in einem meiner Lieblingskochbücher, da springt mich ein Rezept an, Zitrone, gelb, Sonne, Süden, Urlaub, LIMONCELLO, ruft es laut und deutlich. Mach mich, riech mich, schmeck mich!

Begeistert stürze ich mich wie eine Löwin auf die Beute. Was brauche ich, Weingeist, Zitronen, Zucker.

Ich studiere die Rezeptur, checke meine Vorräte, hole mein Super-Einmach-Glas und kann in dieser Sekunde mit meiner herrlichen Sommer-Süden-Creation loslegen.

Alles vorhanden und bitte noch ganz genau das Rezept lesen.

Schließlich probiere ich es das erste Mal aus. Im Leben gibt es so viele erste Male, aber meist ist kein unterstützendes Rezept vorhanden, ich bin in der glücklichen Lage beim ersten Mal ein Rezept zu haben.

Nun heißt es, schön die Schritte verfolgen, sich nicht selbst überholen und schon gar nicht zweigleisig zu beginnen. Da steht es ganz einfach und klar, die Schalen von den Zitronen zaubern, Saft auspressen, Zucker herrichten.

Nach der dritten Zitrone klebst du schon beinahe an der Presse fest. Nach Zubereitung des Zuckergemisches geben deine Schuhe beim Gehen schmatzende Geräusche von sich. Eigenartig dass solche Dinge in Kochbüchern nie erwähnt werden. Schnell mit den klebrigen Händen einen Blick ins Rezept, ein paar Tropfen vom Zucker-Zitronen-Gemisch finden auch den Weg ins Buch.

Gleichzeitig steigen der Stresspegel und die Freude, es duftet nach Sommer, helle Farbe erleuchtet die Küche, du weckst den Süden in ein Einmachglas, die Düfte berauschen dich derartig, sind es die Zitronen oder der Weingeist (90%!), es ist einfach ein herrlicher, kreativer, sinnlicher, freudiger Prozess.

Die klebrigen Hände ins Geschirrtuch gewischt, und das wunderbare Sonnenelixier mit dem luftdichten Deckel verschlossen. Fertig. Wunderbar.

Beglückt betrachte ich versonnen das fertige Glas, einen letzten Blick ins Rezept, da steht ganz plötzlich, dass die Hälfte des Zuckergemisches erst zum Schluss dazukommt, und verdünnt wird der Likör nach 4 Wochen. Ich bin sehr ärgerlich, denn zuerst ist das sicherlich nicht so dagestanden. Gemeinheit, wahrscheinlich schreibt sich der zweite Teil erst, wenn es zu spät ist.

Okay, fressende Waschmaschinen, auch die sollen leben, aber mit Zaubertinte geschriebene Kochbücher sind wirklich eine Gemeinheit.

Außerdem bleibt da noch die Frage:

Versuche ich zur Rezeptur zurückzukommen oder bleibe ich bei meiner Improvisitation.

Meine langbewährte Erfahrung rät mir, bleibe dabei und verteidige sie.

Gerne gebe ich meine Rezepte weiter und auf die Frage meiner Nichte, warum das von ihr gekochte Gericht nach meinem Rezept so ganz anders schmeckt, diese Frage kann ich nur mit großen unschuldigen Augen beantworten: „Es ist die Magie der Rezeptur“!